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Hausangestellte geraten in Nöte

  • Überarbeitet:
  • Liam Pichler

Putzhilfen sind in Privathaushalten begehrt. Trotzdem arbeiten sie in steter Unsicherheit und müssen gerade während der Corona-Krise plötzliche Lohnausfälle verkraften. Ein Artikel aus der „NZZ am Sonntag“ von Andreas Schmid.

Darum geht’s

  • Viele Hausangestellten sind wegen der Corona-Krise nicht mehr gefragt.
  • Im Kanton Zürich hatten Ende 2019 über 45 000 private Arbeitgeber ihre Hausangestellten gemeldet.
  • quitt. empfiehlt für Putzhilfen einen Bruttolohn zwischen 28 und 33 Franken pro Stunde, also deutlich mehr als die Seco-Vorgabe.
  • In den Grenzkantonen Tessin und Genf sind die Durchschnittssaläre aber wesentlich tiefer.

Mit einem Schlag ist den portugiesischen Putzhilfen der kleinen Firma ein beträchtlicher Teil der Aufträge weggebrochen. Seit viele Berufstätige zu Hause arbeiten, ihre Kontakte zur Aussenwelt beschränken und auch die Ausgaben reduzieren, reinigen sie ihre Wohnung selber. Die Hausangestellten sind nicht mehr gefragt. Ob und wie lange sie trotzdem noch entlöhnt werden müssten, ist selbst für Juristen unklar. Und die Betroffenen – oft noch fremder Muttersprache – können sich erst recht nicht wehren.

So müssen sie auf die Fairness ihrer Arbeitgeber zählen und darauf hoffen, dass diese einen Appell der Gewerkschaften an ihre gesellschaftliche Verantwortung wahrnehmen.

Kaum zu erwarten ist das von jenen, die ihre Putzhilfen und Nannys illegal beschäftigen. Seit 2008 müssen Private ihre Hausangestellten melden und für sie Sozialversicherungsbeiträge bezahlen. Obwohl Kontrollen in Haushalten schwierig zu praktizieren und Verstösse fast nicht nachzuweisen sind, werden jedes Jahr Dutzende illegaler Anstellungen aufgedeckt.

Allein im Kanton Zürich gab es letztes Jahr 96 Verstösse gegen das Gesetz.

Allein im Kanton Zürich gab es letztes Jahr 96 Verstösse gegen das Gesetz. 44 gegen das Sozialversicherungs- sowie 52 gegen das Ausländerrecht, wie Lucie Hribal vom Amt für Wirtschaft und Arbeit sagt. «Es liegt in der Natur der Sache, dass die festgestellten Fälle von Schwarzarbeit nur einen Teil des effektiven Problems abbilden», hält Hribal fest. 2018 waren im Sektor Hausarbeit 64 Verstösse festgestellt worden. Trotz der Zunahme sagt Hribal, die Lage sei in den letzten Jahren konstant.

Im Kanton Zürich hatten Ende 2019 über 45 000 private Arbeitgeber ihre Hausangestellten gemeldet. Der Stand sei seit 2016 ähnlich, sagt Daniela Aloisi von der Sozialversicherungsanstalt. Weitere Putzhilfen würden über Firmen registriert, die für Private die Administration übernähmen.

Schlecht bezahlt

Das Staatssekretariat für Wirtschaft (Seco) gibt für Hausangestellte minimale Stundenlöhne vor, die je nach Erfahrung und Ausbildung zwischen knapp 19 und rund 21 Franken liegen. Diese Saläre werden aber häufig unterschritten; Kontrollen des Seco ergaben in den letzten Jahren in durchschnittlich zehn Prozent der untersuchten Fälle Verstösse. Die Mindestlöhne gelten bis Ende 2022, der Bundesrat verlängerte die Vorgaben in der Hauswirtschaft auf Anfang dieses Jahres. Seco-Sprecher Fabian Maienfisch sagt, die wiederholten Verstösse sowie die grosse Nachfrage nach ausländischen Haushalthilfen hätten dies bewirkt. «Beim Wegfall des Mindestlohns würden der Druck auf die Löhne und die Missbrauchsgefahr steigen.»

Die Firma Quitt, die für private Arbeitgeber Anmeldungen und Abrechnungen der Sozialversicherungsbeiträge erledigt, empfiehlt für Putzhilfen einen Bruttolohn zwischen 28 und 33 Franken pro Stunde, also deutlich mehr als die Seco-Vorgabe.

Tiefe Grenzgänger-Löhne

Wie eine Auswertung von rund 4000 Verträgen zeigt, die über Quitt laufen, halten sich viele Arbeitgeber an den angegebenen Rahmen. Gerade in den Grenzkantonen Tessin und Genf sind die Durchschnittssaläre aber wesentlich tiefer – auch deshalb, weil aus dem angrenzenden Ausland Arbeitskräfte mit Tieflöhnen geholt werden. Bis 20 Prozent verdienen diese weniger als Putzhilfen anderswo. Weil in der Erhebung zudem nur legal engagierte Hausangestellte erfasst sind, ergibt sich ein besseres Bild, als es Kenner der Branche zeichnen. Die tiefen Mindestlöhne des Seco animierten nicht zu einer generösen Bezahlung von Putzhilfen, monieren Kritiker.

Stundenlohne Hausangestellte
Quelle Grafik: NZZ am Sonntag

Natascha Wey von der Gewerkschaft VPOD befürchtet wegen der Corona-Krise vor allem für das schwarz angestellte Reinigungspersonal und die zahlreichen als Haushalthilfen tätigen Sans-Papiers zusätzliche Nachteile: «Wer ohne Skrupel Menschen illegal beschäftigt, weil ihn die Sozialabgaben reuen, der wird sich wohl auch während einer Pandemie nicht um das Wohl seiner Hilfen kümmern», sagt Wey.

Die Arbeitskräfte seien häufig nur zu einem geringen Beschäftigungsgrad angestellt, und sie benötigten das Geld. Gegen Unrechtmässigkeiten wüssten sie sich oft nicht zu wehren. In den Riesenmarkt drängten zudem Vermittlungsagenturen, die ein Geschäft witterten. Wey stellt fest: «In diesem Sektor herrscht ein enormer Preisdruck.»

Während der Pandemie seien Verträge nicht eingehalten, Aufträge verändert und kurzzeitige unrechtmässige Kündigungen ausgesprochen worden, sagt die Gewerkschaftssekretärin. «Die Reinigungsbranche ist das letzte Glied in der Kette.»

Private Seniorenbetreuung: Rund um die Uhr gefordert und kaum geschützt vor Ausbeutung

Besonders schlecht gestellt sind in diesen Zeiten ausländische Hausangestellte, die für die Pflege von Senioren in die Schweiz geholt werden.

Die Soziologin Sarah Schilliger lehrt und forscht an der Universität Bern zu Care-Arbeit und Migration. Die Corona-Pandemie habe die ohnehin prekäre Situation der Senioren-Betreuerinnen in Privathaushalten noch verschärft. Sie hätten wegen Reisebeschränkungen und Quarantäne-Auflagen teilweise permanent in der Schweiz bleiben müssen, ohne abgelöst zu werden. Gleichzeitig seien sie zu noch mehr Überstunden angehalten, wenn in Haushalten aus Angst vor Ansteckungen die Einsätze der Spitex oder Familienbesuche eingestellt würden.

Mehr Freizeit und Lohn einzufordern, sei für die Pendel-Migrantinnen aus Polen, Ungarn und Rumänien jedoch schwierig. «Die Arbeits- und Ruhezeiten sowie die Entschädigung von Überstunden und Nachtdienst sind im Privathaushalt kaum verbindlich geregelt», stellt die Soziologin fest.

Vermittlungsagenturen witterten das schnelle Geld mit Pflegepersonal für Private. «Wenn Agenturen aus dem Ausland agieren, können die Behörden problematische Geschäftspraktiken kaum unterbinden», sagt Schilliger.

Die Gewerkschaft VPOD der Region Basel wehrt sich seit Jahren – auch vor Gericht – gegen unzumutbare Arbeitsbedingungen osteuropäischer Senioren-Betreuerinnen in Privathaushalten. Derzeit sei die Situation besonders prekär. «Jede Woche melden uns Betroffene Verstösse gegen Arbeitsverträge», sagt Rechtsberaterin Vanessa von Bothmer. Die 24-Stunden-Pflege gelte rechtlich nicht als Arbeit, weshalb das Gesetz keine Kontrollen zulasse. «Das muss ändern, damit unhaltbare Zustände bekämpft werden können», fordert von Bothmer.

Autor: Andreas Schmid

Dieser Artikel ist am 28.11.2020 in der „NZZ am Sonntag“ erschienen. Siehe Artikel im PDF-Layout.

 

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